Das vorneweg:

Bei der Vergabe von überschwänglichen Prädikaten neigt man ja sehr zur Vorsicht. An welche Diskussionsrunde etwa – man kennt sie zu genüge aus dem Fernsehen – erinnert man sich als „Sternstunde“ eines Gesprächs?

Zu einer „echten“ Sternstunde“ allerdings kam es – laut Aussage mehrere Zuhörer – bei dem Podiumsgespräch mit Martin Schulz, MdB, der am 19.11. das FLG mit seinem Besuch beehrte. Dass sich mit dem Bundestagsabgeordneten Andreas Schwarz und dem stellvertretendem Landrat des Landkreises Bamberg, Johann Pfister, dem Geschäftsführer von iSo e.V. Matthias Gensner und dem Hausherrn, OStD Rainer Herzing, weitere Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit in der Aula befanden, gab der Gesprächsrunde einen Rahmen, der in dieser Form eine Besonderheit darstellt.  

Unter der Moderation von Michael Gerstner (innovative Sozialarbeit, iSo e.V., Bamberg) sollte sich Martin Schulz den Fragen von Schülern stellen und mit ihnen über ausgewählte politische Themen sprechen und diskutieren.

Zuvor jedoch hielt Martin Schulz ein ca. 10-minütiges einleitendes „Statement“, das schon alle Schüler zu fesseln vermochte. Ausgehend von seinem „Geständnis“, dass er im Alter von 64 Jahren tatsächlich häufiger nachdenke, was das Leben bisher mit sich gebracht hätte,  entwickelte Martin Schulz unter Rückgriff auf seine Lebenserfahrung und seine Sozialisation in seiner Heimat bei Aachen einen Gedankengang, der den jungen Zuhörern die enorme Beschleunigung der Welt anschaulich machen sollte.

Er erzählte von seiner Zeit als Jugendlicher mit „richtig“ langen Haaren und den Grenz-Erfahrungen im Dreiländereck zwischen Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Fuhr man damals also ins nur wenige Kilometer entfernte Belgien, wurde man bei der Ausreise aus der BRD kontrolliert, unmittelbar danach zur Einreise in die Niederlande, dann bei der Ausreise aus den Niederlanden und wurde schließlich bei der Einreise nach Belgien erneut angemahnt, die Pässe vorzuzeigen; nahm man die gleiche Strecke zurück, begann dasselbe Prozedere – nur in umgekehrter Reihenfolge. Und „einfach mal“ nach Leipzig zu fahren, war in seiner Jugend gar nicht möglich, lag die Stadt, die man heute selbstverständlich und leicht mit dem ICE bereisen könne, doch in der DDR und war damit für Otto-Normalbürger quasi nicht erreichbar.

Zeigte Schulz an diesen persönlichen Erlebnissen auf, dass sich die Welt in den letzten 50 Jahren enorm verändert hat, beschrieb er – seinen Gedanken der ungeheuren Dynamik der Welt weiterführend –, dass der Erwartungsdruck in dieser Zeit ebenfalls enorm gestiegen sei und dass permanent für immer komplexere Probleme immer schnellere und immer schneller wirksame Antworten erwartet werden; von jedem Einzelnen und gerade von denjenigen, die die Demokratie repräsentieren: den Politikern. Dies allerdings sei man gar nicht im Stande zu leisten, weil Demokratie, demokratische Entscheidungen und Problemlösungen, die nahezu alle Bereiche einer Gesellschaft beträfen, eben Zeit bräuchten. Da der Erwartungsdruck jedoch an die Politik so hoch ist und die Politik diesen nicht erfüllen kann, sei das Einfallstor für Populismus geöffnet. Martin Schulz schloss sein Statement nicht mit diesem letzten ernüchternden Satz, sondern sprach an die Adresse des Publikums und die Gesprächsteilnehmer, dass er sich auf die folgende Diskussion freue, da das Gespräch mit anderen die Grundlage der Demokratie sei und die Veranstaltung zeige, dass man sich die Zeit dafür nehme.       

Danach formierte sich die Gesprächsrunde auf dem Podium mit den Schülerinnen und Schülern Valentina Dietz, Sigena Schumann, Lukas Negri, Markus Wirth (alle FLG) sowie Marco Strube (KHG), dem Moderator M. Gerstner und M. Schulz.

In der darauffolgenden Stunde entwickelte sich ein Gespräch über „Freiheit und Sicherheit“, „Wertegemeinschaft EU“, „Legalisierung von Cannabis“, „Digitalisierung“ und „Klimawandel bzw. Fridays for Future“, das mit Martin Schulz einen Politiker zeigte, der abwägend, reflektierend und niemals einseitig oder ideologisch dogmatisch antwortete und an so einigen Stellen offensichtlich ins Grübeln kam. Er war aber auch so ehrlich, zu offenbaren, dass er angesichts seiner wohl bekannten früheren „Drogen“-Probleme derzeit wohl eher dazu neige, die Legalisierung abzulehnen, jedoch froh darüber sei, nicht abstimmen zu müssen. Er wisse einfach nicht, was hier „richtig“ oder „falsch“ sei.      

Beim Thema Fridays for Future wies Schulz darauf hin, dass er große Sympathie für das Engagement der Schüler empfinde, die schlechtere Noten durch den versäumten Unterricht in Kauf nähmen; er appellierte jedoch zugleich, für die Folgen, die ein Verstoß gegen die Schulpflicht mit sich bringt, einzustehen.      

In diesem Zusammenhang sprach er sich für einen Perspektivenwechsel aus. Er führte den Zuhörern vor Augen, welch „revolutionärer Schritt“ das Klimagesetz der Bundesregierung sei. Wenn Deutschland als viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt durch die Umsetzung des Gesetzes in 19 Jahren komplett ohne Atom- und Kohlestrom auskomme, und man –  bei steigendem Energiebedarf – gleichzeitig keinen Atomstrom aus Frankreich und keinen Kohlestrom aus Polen einkaufen müsse, sei das ein einzigartiges Vorbild für die ganze Welt. Und Deutschland zugleich die erste Nation, die das geschafft haben wird. Ein Man-to-the-moon-Projekt sei dies, so Schulz, und konterkarierte ein Stück weit die negativen Schlagzeilen zum Klimapaket.    

Am Ende des Gesprächs durfte Martin Schulz – zu seiner Überraschung – den Podiumsgästen eine Frage stellen. Er stellte den Mitdiskutanten die Frage, ob sie sich ein verpflichtendes Soziales Jahr vorstellen könnten. Die Schüler waren wohl ebenso überrascht ob dieser so konkreten Frage und entwickelten einhellig eine Argumentation gegen diese Idee; dies nahm Martin Schulz etwas konsterniert zur Kenntnis und stellte die provokante Frage, wer von den Schülern schon mal „in einem Pflegeheim gewesen sei“. Leider konnte man Martin Schulz an dieser Stelle nicht ausführen, wie viele sozial engagierte Schüler am FLG sind und dass es den sozialen Tag am FLG gibt. Wir hoffen an dieser Stelle, dass Martin Schulz keinen falschen Eindruck unserer Schülerschaft oder gar der bayerischen Gymnasiasten mit nach Berlin nimmt!  

Leider musste der Moderator an dieser Stelle mit Blick auf die Uhr das Gespräch mit sanftem Druck an sich reißen und übergab dem Stellvertretenden Landrat, Johann Pfister, sowie dem Bundestagsabgeordneten für den Wahlkreis Bamberg, Andreas Schwarz, für abschließende Worte das Mikrofon. Beide zeigten sich beeindruckt von dieser Gesprächsrunde und Landrat Pfister erlaubte sich, nochmals darauf hinzuweisen, dass man nach dem einen oder anderen Semester, das man „zu viel oder mehr“ studiere, auch nicht frage, so dass man ein soziales Pflichtjahr vielleicht doch nicht generell mit „geschickten Argumenten“ ablehnen müsse.

Resümee – Eine Schulveranstaltung in diesem Format kann kaum mehr bieten:

  • Wochenlanges intensives Arbeiten und Vorbereiten der Gesprächsrunde im Unterricht
  • externe Partner, die mit ihrer organisatorischen Struktur den Rahmen herstellen
  • ein externes Team, das mit professionellem Geschick mit den Schülern zu arbeiten weiß
  • eine Medienpädagogin, der es in der Kürze der Zeit gelingt, Schüler zwei Videoclips drehen zu lassen
  • eine kooperative Beteiligung einer anderen Schule mit dem Schüler vom KHG auf dem Podium
  • ein souveräner Moderator, der sich selbst zurückzunehmen versteht und ein Gespräch zwischen dem Gast und den Schülern geschickt zu lenken vermag  
  • eine hochkarätig besetze Besucherschar am FLG
  • eine politisch und am Gespräch interessierte Schülerschaft
  • Ein Bundestagsabgeordneter, der sich im Gespräch offen und grübelnd, abwägend und freimütig erzählend zeigt und Zuhörer mit der Gabe, persönliche Erlebnisse und politische Zielsetzung zu vereinen, fesselt

Ein Dankeschön an die Technikgruppe unter Leitung von Joachim Böll, die „ihre“ Scheinwerfer und Mikrophone nach allen Regeln der Kunst beherrscht.         

Ein herzliches Dankeschön an das Team von iSo e.v., insbesondere an Michael Gerstner, Lisa-Maria Graf, Rahel Metzner und Benedikt Martin, die mit uns dieses Projekt im Rahmen von „Demokratie lernen“ durchführten und uns alle Hilfe boten, die man als Schule benötigt, ein solches zu stemmen.   

(M. Eichiner)